Langdistanz-Rennen Männer

Auf der einten Seite des Startbandes in Zofingen wird am 6. September, morgens um 8.53 Uhr, der Schweizer Andy Sutz stehen, auf der anderen der Belgier Joerie Vansteelant. Hier der Sieger des Powerman Zofingen 2008, der Langdistanz-Weltmeister der International Powerman Association (I.P.A.), da der Langdistanz-Weltmeister der International Triathlon Union (ITU) der Jahre 2007 und 2008.

Nicht viel hätte gefehlt und Zofingen wäre in diesem Jahr WM-Austragungsort gleich beider führender Duathlon-Verbände geworden. Die International Triathlon Union (ITU) verzichtet heuer aber auf die Austragung einer WM. Damit kommt der Thutstadt in diesem Jahr die Ehre zu, in Form der International Powerman Association (I.P.A.) die einzige Duathlon-WM austragen zu dürfen.

Vorjahressieger Sutz

I.P.A.-WM-Titelverteidiger ist Andy Sutz. Der 28-jährige Schaffhauser gewann im letzten Jahr mit einem Vorsprung von über 5 Minuten auf die beiden Franzosen Pascal Schuler und Dominique Duchene. Hervorragender Vierter wurde der Zofinger Stefan Lüscher, der jedoch bereits über 16 Minuten auf Sutz verloren hatte. Die Siegerzeit für die 7,5 Lauf-, die 150 Velo- und die 30 Lauf-Kilometer betrug 6 Stunden 29 Minuten 44 Sekunden und lag damit 8 Minuten und 44 Sekunden über dem Streckenrekord des Belgiers Koen Maris aus dem Jahre 2007.

Sutz und Vansteelant
Bisher musste der Powermansieger 2008 Andy Sutz bei jedem Rennen hinter dem Belgier Joerie Vansteelant hinterherrennen

Starkes Teilnehmerfeld

Auf die Startliste blickend meint Sutz: «Dieser Streckenrekord wird am 6. September geknackt werden, präsentiert sich das Teilnehmerfeld doch so stark wie noch nie in den letzten paar Jahren.» Der Schaffhauser freut sich über das illustre Teilnehmerfeld, denn das mache den Powerman Zofingen in der Welt draussen nur noch bekannter und das Rennen selbst ultraspannend. «Ich glaube, dass die Siegerzeit sogar unter 6 Stunden 20 Minuten sein wird.» Sutz hofft dabei auf sein Lieblingswetter, das bewährte Zofinger Powermanwetter: «Das sind möglichst tiefe Temperaturen, so um die 15 Grad und am liebsten natürlich Regen.»

Favoriten auf den Sieg gäbe es dabei gleich mehrere. «Ich denke in erster Linie an den Belgier Joerie Vansteelant und an den Neuseeländer Richard Ussher.» Joerie Vansteelant ist der jüngere Bruder der Duathlon-Legende Benny Vansteelant. Letzterer wurde am 8. September 2007 beim Radtraining in Hooglede (Region Flandern) von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Nach einer Operation schien der achtfache Duathlon-Weltmeister ausser Lebensgefahr, erlag dann jedoch sechs Tage später (14. September) im Krankenhaus von Roeselare den Folgen des tragischen Unfalls.

Benny Vansteelant hatte nach elf Austragungen mit lauter Schweizer Triumphen in den Jahren 2005 und 2006 dem Powerman Zofingen den belgischen Stempel aufgedrückt. Zwei Wochen bevor die Duathlonwelt ihr Aushängeschild verlor, hatte er in Zofingen erneut souverän geführt und lag auf Streckenrekord-Kurs. Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte aber der damals 30-Jährige wegen Magenproblemen das Rennen aufgeben und seinem Landsmann Koen Maris den Vortritt lassen müssen.

Die zweite Laufstrecke

Im Auge behalten muss Sutz vor allem Joerie Vansteelant, der in Zofingen erstmals an den Start geht. Der 27-jährige Belgier gewann bis Mitte Juli bereits sechs Rennen, darunter den Duathlon auf Lanzarote (24. Januar), die Powerman-EM im holländischen Horst (19. April) und die belgischen Meisterschaften in Kortrijk (11. Juli). «Ich bin bisher achtmal gegen Joerie Vansteelant angetreten, doch bezwingen konnte ich ihn noch nie», bedauert Sutz, der sich auch bei der Powerman-EM mit Platz 2 begnügen musste. Vansteelant sei ganz einfach auf dem Velo der bessere Athlet. «Auf der Laufstrecke waren wir fast immer gleich schnell», so der gelernte Bootsbauer, der nun zwei Jahre lang auf die Karte Sport setzt und nur noch einem 20-Prozent-Job als Fahrradmechaniker nachgeht. «Ich muss den Rückstand auf den Topfavoriten nach dem Veloabschnitt in Grenzen halten», weiss Sutz, der am liebsten dauernd über die Positionen und Abstände an der Spitze informiert sein möchte. «Mein Terrain kommt dann vor allem auf der sehr coupierten, anspruchsvollen zweiten Laufstrecke, die meinen Fähigkeiten am besten entgegenkommt.» Allzu viel von seiner Taktik möchte der Athlet vom Verein Tristar Schaffhausen nicht preis geben. «Zieht Vansteelant jedoch nach dem Start wie eine Rakete los, lasse ich ihn vorerst wohl ziehen, will ich doch das Rennen nicht zu früh forcieren.»

Vansteelants Handicap

In Zofingen hat noch nie ein Favorit gleich im ersten Anlauf gewinnen können. «Ich habe dann auch einen gehörigen Respekt vor diesen langen Distanzen, die ich in Zofingen erstmals in Angriff nehme», gesteht Joerie Vansteelant ein. Der Belgier fühlt sich wohler bei Distanzen, die über bis zu 80 Velo- und 25 Laufkilometer gehen. «In Zofingen will ich trotzdem gewinnen, bin aber nicht unglücklich, wenn ich letztendlich auf Rang 2 oder 3 landen sollte.» Der 27-jährige Belgier würde bei einem Erfolg den Sieg nicht seinem verstorbenen älteren Bruder widmen. «Nein, das nicht, doch im Verlaufe des Rennens denke ich sicherlich immer mehr an meinen Bruder, der nach seiner Aufgabe im Jahre 2007 eigentlich ein Jahr später wieder nach Zofingen kommen und es besser machen wollte.» Joerie Vansteelant freut sich schon lange auf den 6. September. «Ich habe meine ganze Saisonplanung auf Zofingen ausgerichtet, obwohl ich mit dem Gewinn des Powerman-ITU-EM-Titels am 19. April im holländischen Horst einen ersten Saisonhöhepunkt erleben durfte.» Die Region Zofingen kennt der zweifache ITU-Langdistanz-Duathlon-Weltmeister bereits von seinem Start am Intervall Duathlon her, den er im Jahre 2006 hauchdünn vor seinem Bruder Benny gewonnen hatte. «Die Gegend ist wunderschön, die Strassen sind in einem Topzustand und die Atmosphäre ist phänomenal, vor allem im Zielraum.» Da Joerie Vansteelant im Mai zwei Wochen krank war, hatte er im Sommer einen gewissen Trainingsrückstand. Seit Juni richtet der Belgier sein ganzes Trainingsprogramm auf den Powerman Zofingen aus. «So weilte ich im Juli drei Wochen lang im Höhentrainingslager in den französischen Pyrenäen, wo ich auf bis zu 2'200 Metern über Meer vor allem meine Ausdauer verbesserte.» Nach dem Powerman im belgischen Geel (9. August) und dem Powerman im österreichischen Weyer (23. August) trifft er am 3. September in Zofingen ein. «Ich war unterdessen bereits schon einmal hier auf der Powerman-Strecke», verrät der Belgier. «Die Radstrecke kam mir dabei weniger hart vor als befürchtet, dafür imponierte mir die Laufstrecke umso mehr.» Für Joerie Vansteelant ist klar: «Ich darf das Rennen ja nicht zu schnell angehen.» Sowieso sei die Zeit nicht ausschlaggebend, schaue er doch letztendlich auf den erzielten Rang. «Während des Rennens möchte ich jedoch schon wissen, wie in etwa die Zeitabstände zwischen den einzelnen Topathleten sind.» Vansteelant rechnet mit Jason Spong und Andy Sutz als die härtesten Konkurrenten um den Sieg. «Weil mich Andy Sutz in bisher acht Duellen noch nie besiegen konnte, heisst das noch lange nicht, dass es ihm diesmal nicht gelingt.»

Der wilde Neuseeländer

Grossen Respekt hat Andy Sutz vor dem Neuseeländer Richard Arland Ussher. Der 31-Jährige gewann den Speight’s Coast to Coast Multisport-Wettkampf gleich dreimal. Bei diesem 243 Kilometer langen Abenteuer-Trip von der West- zur Ost-Küste von South Island (das ist die grössere der beiden Hauptinseln Neuseelands) müssen Sportarten wie Laufen, Velofahren oder Kajakfahren beherrscht werden. Ussher vertrat Neuseeland auch an den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano im Freestyle-Event Buckelpistenfahren (25. Platz). Erfolgreicher war der Haudegen zusammen mit seiner finnischen Frau Elina, ebenfalls einem sportlichen Multitalent, an der Abu Dhabi Adventure Challenge, die er in einem Viererteam im letzten Jahr gewann. Fortan will sich Ussher auf Triathlons und Duathlons konzentrieren und hat den Ironman auf Hawaii im Visier. «Das ist ein Riesentier», entfährt es dem Schaffhauser. «Dass er auch schon in meinem Metier bestens Fuss gefasst hat, bewies der Neuseeländer am 12. Juli beim Quelle Challenge im deutschen Roth.» Beim (nach dem Klassiker Ironman Hawaii) zweithärtesten Triathlon-Rennen der Welt, wurde Ussher mit bloss sechs Minuten Rückstand auf den einheimischen Sieger Michael Göhner hervorragender Dritter. Dies in einer Zeit von 8 Stunden und 3 Minuten.

Ein Schreckensmoment

Am 23. Mai ging Sutz mit wenig Ambitionen in Budapest an den EM-Start in der Duathlon-Kurzdistanz. Die 10 Lauf-, 40 Rad- und 5 Laufkilometer absolvierte der diesjährige Sieger des Zofinger Intervall-Duathlons in 1:50:48 aber am schnellsten und holte sich überraschend den Titel. «Auch für mich war das Ganze unerwartet, doch ich war topfit, es gelang mir ein optimales Rennen und meine Wettkampfstrategie ging voll auf.» Zofingen soll nun das zweite, noch wichtigere Saisonhighlight werden. «Ich strebe die Titelverteidigung an, beklage aber einen grösseren Trainingsrückstand», lässt der Berglaufspezialist aufhorchen. Passiert ist das Malheur in der zweiten Juli-Hälfte im Höhentrainingslager in St. Moritz. «Zusammen mit meinem Trainingspartner David Schneider befand ich mich auf einem schmalen Bergweg. Auf dem fast 3'000 Meter über Meer gelegenen Fuorcla Surlej rutschte ich leicht aus und prallte mit dem Knie auf einem scharfkantigen Stein auf», schildert Sutz. Die Folge: Eine tiefe Wunde, die im Tal unten von einem Arzt mit fünf Stichen genäht werden musste. Nach zwei Wochen Trainingspause konnte der Schaffhauser sein Knie endlich wieder belasten. «Bis zum Powerman Zofingen sollte ich wieder fit sein.»

Der Heimvorteil

Sutz war in Zofingen bereits vor seinem letztjährigen Sieg ein paar Male über die Kurzdistanz angetreten und fühlt sich in der Thutstadt zu Hause. «Ich kenne die Strecke bestens, fahre sie ein paar Wochen vor dem Rennen jedoch noch einmal mit dem Velo ab.» Auch dank seiner im Kanton Solothurn wohnhaften Freundin geniesst der Schaffhauser beim Powerman so etwas wie Heimvorteil. «Wegen der kurzen Anfahrtsdistanz kann ich es mir leisten, erst am Sonntagmorgen, also kurz vor dem Wettkampf, nach Zofingen zu kommen.» Die Strapazen folgen erst danach, sei doch der Powerman Zofingen für viele Teilnehmer der härteste Duathlon der Welt. «Für mich ist es jener Duathlon auf der Welt, der danach am meisten Zeit für die Erholung in Anspruch nimmt.» Laut Sutz ist eine Regenerationszeit von einem Monat angesagt. «Im letzten Jahr unterschätzte ich das ein wenig und bestritt bereits eine Woche später wieder einen Lauf.» Das sei zu früh gewesen, «litt ich doch weitere zwei Wochen später an der Kurzdistanz-Duathlon-WM in Rimini arg darunter».

Text: Raphael Galliker

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