Im Duathlon ist der Powerman Zofingen, im Triathlon der Ironman Hawaii das Mass aller Dinge auf der Welt. Bei beiden knüppelharten Grossveranstaltungen ist Natascha Badmann bereits mehrmals als Siegerin ins Ziel gekommen. Am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, stand die 42-jährige Küngoldingerin vor einer noch härteren Entscheidung.

Natascha Badmann im letzten Jahr beim Powerman Zofingen als strahlende Siegerin über die Kurzdistanz. Foto: Powerman Zofingen
Natascha Badmann, im letzten Jahr fand der Powerman Zofingen am 7. September statt, der Ironman Hawaii am 11. Oktober. Heuer gehen beide Top-Events einen Tag früher über die Bühne. Gehen Sie heuer in Zofingen wieder an den Start?
Natascha Badmann (Stand 1. August 2009): Das weiss ich ehrlich gesagt auch noch nicht. Für den 3. September haben wir Sitzplätze für einen Flug nach Gran Canaria reserviert. Dort wartet ein dreiwöchiges Trainingslager auf mich, das im Hinblick auf den Ironman Hawaii sehr wichtig ist. Wir müssen die einzelnen Tage im Vorfeld nun noch einmal genau durchgehen und dann entscheiden, ob ein Start über die Kurzdistanz in Zofingen wieder drinliegt. Nach Gran Canaria gibt es meistens Mittwoch-Flüge, nach Hawaii Montags-Flüge. Zehn Tage vor dem Start will ich auf Hawaii sein, wobei ich auf dem Tripp dahin aufgrund der Zeitverschiebung einen Tag verliere. Zuvor weile ich für drei, vier Tage in der Schweiz, wobei dann Medienkonferenzen und das Packen anstehen. Berücksichtigt man all’ dies, müsste ich am 2. September nach Gran Canaria fliegen …
Im letzten Jahr klappte ein Start in Zofingen dennoch und sie siegten über die Kurzdistanz souverän. Anschliessend weilten Sie jedoch nur für zwei Wochen im Trainingslager auf Gran Canaria. Was wird letztendlich entscheiden, ob Sie heuer starten oder nicht, das Herz oder der Verstand?
Es ist der Verstand. Wenn ich nach Hawaii fliege, muss ich gut und stark, also bestens vorbereitet sein. Dies garantiert mir ein dreiwöchiges Trainingslager zuvor auf Gran Canaria. Dort ist Ausdauer-Training angesagt, vor allem in den Disziplinen Laufen und Velofahren. Gran Canaria eignet sich auch bestens dafür, mich temperaturmässig auf die Hawaii-Hitze vorzubereiten. Am Liebsten wäre mir, wenn der Powerman Zofingen im Mai stattfinden würde, dann könnte ich in der Thutstadt über die Langdistanz antreten und hätte danach eine genügend lange Vorbereitungsphase für den Ironman auf Hawaii. Eigentlich starte ich in Zofingen sehr sehr gerne, doch es muss von den Daten her in meinen Plan passen. Wenn ich in Zofingen starte, will ich 100 Prozent meiner Leistung geben können. In Zofingen durfte ich viele schöne Momente erleben. Bei meinem ersten Powerman-Start im Jahre 1996 erzählte ich den Journalisten von den Vögeln, die ich während des Rennens im Wald zwitschern hörte. Davon sprechen die Leute heute noch oft und das ist schön.
Wir führen dieses Interview nun am 1. August. Wann werden Sie sich definitiv entscheiden, ob Sie auch heuer in Zofingen starten?
In den nächsten zwei Wochen entscheide ich mich definitiv.
Sie hatten beim Ironman Hawaii am 13. Oktober 2007 einen schweren Unfall auf der Radstrecke. Nach diesem Horror-Sturz hatten Sie gebrochene Rippen, Prellungen und Schürfungen. Im letzten Jahr gaben Sie bei Kilometer 15 auf der abschliessenden Laufstrecke wegen zu grosser Schulterschmerzen auf. Haben Sie das 2007-Erlebnis trotzdem verdaut?
Ja, obwohl ich im letzten Jahr aufgeben musste, hatte ich viel Positives mitgenommen. Ich war über jenes Strassenstück gefahren, auf dem ich 2007 verunfallt war. Wo ich damals so viel Energie liegen lassen hatte, nahm ich 2008 wieder sehr viel davon mit und konnte so abschliessen.
Hawaii dient Ihnen also wieder als Energiespender?
Ja, wenn ich auf Hawaii bin, reagiert mein Körper bei Wettkampfstress einfach fitter. Es ist wie eine Art Zusatzadrenalin in einem Top-Umfeld. Hawaii ist für mich eine heilende Insel, eine gute Therapie. Im letzten Jahr fühlte ich mich nach meinem Aufenthalt auf Hawaii viel stärker und gesünder.
Ist Hawaii für Sie also so etwas wie Ihre heimliche Heimat?
Das tönt gut. Ich liebe Hawaii aufgrund der Weiten und wegen des wunderbaren Rennens. Ich möchte mit meiner Heimat, der Schweiz, aber nicht tauschen. Denn hier in der Schweiz habe ich mein eigenes Haus und meinen eigenen Garten.
Wie fühlen Sie sich denn zur Zeit?
Sehr gut. Vor einem Jahr konnte ich im Schwimmbecken noch kaum eine ganze Länge absolvieren und nun geht dies im Delfinstil bereits prima. Aufholen muss ich dennoch beim Schwimmen, vor allem punkto Tempo und Wasserlage, aber auch im läuferischen Bereich muss in mich noch verbessern. Am meisten Respekt habe ich vor den langen Distanzen, die mich auf Hawaii erwarten. Der Unfall vor zwei Jahren hat meinen Körper aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein Rennen, das zwei Stunden dauert, ist für mich kein Problem und danach kann ich auch noch aufrecht laufen. Dauert der Wettkampf jedoch länger, habe ich danach Schulterprobleme, da meine Muskulatur immer noch nicht so austrainiert ist wie sie sein sollte.
Zuletzt holten Sie in den USA über die Halbironman-Distanz (1,9 km Schwimmen; 90 km Velofahren; 21,1 km Laufen). Am 5. April dieses Jahres gewannen sie den 70,3 Ironman New Orleans in der Streckenrekord-Zeit von 4:17:50 und waren dabei 4,5 Minuten vor der drittplatzierten Weltmeisterin Joanna Zeiger (USA), die 2008 in Florida den Titel über die 70,3 Ironman-Distanz geholt hatte. Am 7. Juni erreichten Sie am Revolution 2 Triathlon in Middlebury Platz 3 in 4:29:04 und am 14. Juni gab es Platz 2 beim Blackwater Eagleman Triathlon in Cambridge in 4:20:24. Und trotzdem sagen Sie, Sie hätten ihre Form von 2007 noch nicht wieder?
Ja das stimmt. Der Blackwater Eagleman Triathlon ist für mich so etwas wie ein Form-Gradmesser, eine Standortbestimmung, wo ich stehe. 2007 hatte ich beim Blackwater Eagleman Triathlon mit einer Zeit von 4:08:17 einen neuen Weltrekord aufgestellt und heuer war ich dort zwölf Minuten langsamer. Das Resultat in New Orleans hingegen hat mich positiv überrascht. Ganz allgemein habe ich aber an den drei Wettkämpfen über die Halbironman-Distanz gemerkt, dass es nichts gratis gibt und ich noch Trainingsrückstand, also noch nicht wieder meine Form von 2007 habe.
Interview: Raphael Galliker